Sky übernimmt ITV für 1,86 Milliarden Euro: Britisches Fernsehen bekommt einen neuen Platzhirsch
Sky übernimmt das Sendergeschäft von ITV für 1,6 Milliarden Pfund. Was der Deal für Love Island, ITV Studios und den britischen TV-Markt bedeutet.
Inhaltsverzeichnis
Der britische Fernsehmarkt bekommt einen neuen Besitzer an entscheidender Stelle. Sky, die Pay-TV-Tochter von Comcast und NBCUniversal, übernimmt das Sendergeschäft von ITV für 1,6 Milliarden Pfund, umgerechnet rund 2,1 Milliarden US-Dollar.
Am Montag, 6. Juli, bestätigte ITV die Einigung offiziell gegenüber seinen Aktionären. Eine der bekanntesten Marken des britischen Fernsehens gehört damit künftig zum NBCUniversal-Imperium.
Was genau den Besitzer wechselt
Gekauft wird ausschließlich der Sendebetrieb von ITV, also der klassische Free-TV-Kanal samt Streamingdienst ITVX. Die Produktionstochter „ITV Studios“ bleibt außen vor und firmiert künftig eigenständig weiter.
Sie profitiert allerdings von einem Nebendeal, denn Sky verkauft im Zuge der Transaktion „Love Productions“, die Firma hinter „The Great British Bake Off“, für 200 Millionen Pfund an ITV Studios. Verhandelt wurde fast neun Monate lang, seit ITV im November erstmals die Londoner Börse über ein Übernahmeangebot informiert hatte.
Ein Markt im Konsolidierungsfieber
Der Deal reiht sich in einen größeren Trend ein. Während sich Paramount und Warner Bros. Discovery gerade durch die Kartellprüfung kämpfen, suchen klassische Fernsehkonzerne zunehmend den Schulterschluss, um gegen Netflix und YouTube zu bestehen.
Die Zahlen liefern das Argument gleich mit, denn Sky und ITV kamen im Mai gemeinsam auf einen TV- und Streaming-Marktanteil von 18,3 Prozent in Großbritannien, knapp hinter YouTube mit 18,6 Prozent. Genau diese Konkurrenz durch die Techriesen dürfte den Kartellbehörden die Zustimmung erleichtern, denn ein Zusammenschluss dieser Größenordnung wäre vor wenigen Jahren wohl deutlich kritischer geprüft worden.
Zwei sehr unterschiedliche Geschichten
Sky wurde 1990 von Rupert Murdoch gegründet und entwickelte sich zur Wachstumsgeschichte des britischen Fernsehens, bis Comcast den Sender 2018 für 39 Milliarden US-Dollar übernahm. Bislang war Sky vor allem im Pay-TV- und Telekommunikationsgeschäft zu Hause, mit dem Ausflug ins Free-TV betritt der Konzern nun echtes Neuland.
ITV dagegen ist mit 71 Jahren ein Urgestein, der größte kommerzielle Sender des Landes und Heimat von Hits wie „Love Island“ und „Britain's Got Talent“. Zudem ist der Sender gemeinsam mit der BBC Übertragungspartner der Fußball-Weltmeisterschaft.
2025 setzte ITV rund 2 Milliarden Pfund um und hält knapp 32 Prozent Anteil am kommerziellen Zuschauermarkt. Der Streamingdienst ITVX wuchs in vier Jahren um fast 60 Prozent auf 16,5 Millionen monatlich aktive Nutzer.
Sky und ITV landen künftig gemeinsam unter dem Dach von NBCUniversal, das Comcast derzeit als eigenständiges börsennotiertes Unternehmen ausgliedert. Der zeitliche Gleichklang zwischen dieser Abspaltung und dem ITV-Deal gilt als kein Zufall.
Die Hoffnung ist, dass frischer Schwung in ein Sky einzieht, das im Comcast-Konzern zuletzt eher stiefmütterlich behandelt wurde. NBCUniversal und ITV kennen sich zudem bereits bestens, schließlich entstand aus der Zusammenarbeit von NBCU-Tochter Carnival Films und ITV einst „Downton Abbey“, eines der prägendsten Historiendramen der jüngeren Fernsehgeschichte.
Offene Fragen nach der Fusion
Wie die neue Konstellation praktisch aussieht, ist noch längst nicht geklärt. Landen Sky-Serien wie „The Day of the Jackal“ und „Saturday Night Live UK“ künftig auch bei ITV?
Wer übernimmt die oberste Programmverantwortung, Cécile Frot-Coutaz oder Kevin Lygo? Und braucht ein fusioniertes Unternehmen wirklich zwei komplette Nachrichtenredaktionen, also Sky News und die von ITN produzierten ITV News?
Auch die ITV-Belegschaft dürfte gespannt sein, ob ein Umzug auf den Sky-Campus im Südwesten Londons ansteht.
Wie es für ITV Studios weitergeht
ITV Studios steht künftig ohne Sendermutter da. Unter der Leitung von Julian Bellamy erwirtschaftete die Produktionssparte im März einen Jahresumsatz von 2,1 Milliarden Pfund, ein Plus von 5 Prozent. Das bereinigte Ergebnis stagnierte allerdings in einem schwierigen Marktumfeld für Produktionsfirmen.
Zum Portfolio zählen unter anderem die „Love Island“-Produktionsfirma Lifted Entertainment sowie die Studios hinter den Dauerbrennern „Coronation Street“ und „Emmerdale“. Ob ITV Studios weiterhin rund zwei Drittel aller Auftragsproduktionen von ITV selbst gewinnt oder der Markt durch die Abspaltung fairer wird, ist eine der spannenderen Nebenfragen dieses Deals.
Angesichts der laufenden Fusion von Banijay und All3Media zu einem britischen Produktions-Schwergewicht dürfte sich ITV Studios zudem fragen müssen, ob die eigene Größe noch ausreicht. Am Ende könnte doch ein strategischer Partner wie die RTL-Tochter Fremantle oder erneut Banijay ins Spiel kommen.