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Tip Toe bei HBO Max im Test: Wenn der Nachbar zum Feind wird

Tip Toe mit Alan Cumming und David Morrissey läuft seit dem 13. August bei HBO Max. Meine Kritik zur fünfteiligen Miniserie von Russell T Davies.

· 3 Min. Lesezeit

Ich habe die fünf Episoden von „Tip Toe“ an zwei Abenden weggeschaut und danach länger auf den schwarzen Bildschirm gestarrt, als mir lieb war. Russell T Davies erzählt von zwei Nachbarn, die sich seit Jahren über die Hecke grüßen und am Ende nichts mehr voneinander wissen wollen. Seit Donnerstag, 13. August, steht die Miniserie bei HBO Max.

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Einen deutschen Trailer gibt es nicht, die Serie lief im Original bei Channel 4. Der englische Clip verrät ohnehin genau so viel, wie er verraten soll.

Worum geht es in Tip Toe?

Alan Cumming spielt Leo, einen schwulen Barbesitzer von der Canal Street in Manchester. David Morrissey gibt seinen Nachbarn Clive, Elektriker, zwei Söhne, eine Ehe im Leerlauf. Eine Nacht, in der Leo sich hosenlos aus dem eigenen Haus aussperrt, bringt die beiden Männer zum ersten Mal in dieselbe Küche. Aus dem nachbarschaftlichen Gefallen wird ein Zweitschlüssel, aus dem Zweitschlüssel Misstrauen, aus dem Misstrauen Gewalt.

Davies zeigt das Ende gleich in den ersten Minuten. Eine schreiende Frau, ein Junge am Fenster, ein Mann im Garten, und ein Bild, das ich erst nach einem Moment einordnen konnte. Danach springt die Serie zehn Tage zurück. Ihr wisst also die ganze Zeit, worauf das alles hinausläuft, und genau deshalb sind die fünf Episoden so schwer auszuhalten.

Was funktioniert

Cumming und Morrissey sind seit vierzig Jahren eng befreundet und standen vorher nie gemeinsam vor der Kamera. Diese Vertrautheit trägt jede gemeinsame Szene. Morrissey spielt Clive mit einer Sparsamkeit, die mich stärker erschreckt hat als jeder laute Ausbruch. Ein gesenkter Blick, ein zu langes Schweigen an der Gartenhecke, mehr braucht er nicht.

Cumming hält Leo dagegen kantig genug, dass aus ihm nie das arme Opfer wird. Er ist eitel, er ist laut, er trifft schlechte Entscheidungen. Diese Figur will keine Sympathiepunkte, sie will Recht behalten.

Die dritte Episode dreht die Perspektive komplett auf Clive, und das halte ich für den klügsten Zug der Serie. Davies baut keinen Unhold, sondern einen Mann, der sich Abend für Abend durch seinen Feed scrollt und dabei still die Richtung verliert. Ich habe ihn über weite Strecken verstanden. Das ist ein ziemlich unangenehmes Gefühl.

Auch die Nebenfiguren sind mehr als Dekoration. Clives 16-jähriger Sohn George ist schwul und hat panische Angst davor, es seinen Eltern zu sagen. Der ältere Bruder Saul betreibt ein OnlyFans-Konto, von dem der Vater nichts ahnt. Pooky Quesnel gibt Marie als Frau, die längst alles sieht und trotzdem schweigt.

Wer „Adolescence“ gesehen hat, kennt die Frage dahinter. Beide Serien interessieren sich weniger für die Tat als für die Wochen davor, in denen ein Mensch sich still und allein radikalisiert.

Was nicht funktioniert

Die erste Episode hätte mich fast vertrieben. Davies packt Geflüchtete, Pronomen, Trump und die Rückkehr der Homophobie in eine einzige Stunde, und seine Figuren tragen die Thesen wie Plakate vor sich her. Leos Freund Melba hält einen Monolog über die anrollende Welle des Hasses, der wie ein Leitartikel klingt und nicht wie ein Gespräch an der Bar. Erschöpfend, bevor die eigentliche Geschichte begonnen hat.

Ab der zweiten Episode löst sich das. Davies lässt die Szenen sprechen statt die Figuren dozieren, die Stränge greifen ineinander, das Tempo zieht an. An die Disziplin von „It's a Sin“ oder „Years and Years“ reicht der Fünfteiler trotzdem nicht heran.

Und das Finale schießt über. Die Zuspitzung der letzten Episode wirkte auf mich eine Drehung zu hart, gemessen an allem, was die Serie vorher so genau beobachtet hat. Beim Publikum geht die Sache ähnlich auseinander, die Kritiken stehen auf Rotten Tomatoes bei 93 Prozent, die Zuschauerwertung nur bei 80 Prozent.

Tip Toe - Jetzt streamen bei

Trotz der schwergängigen ersten Stunde gehört „Tip Toe“ zum Stärksten, was ich in diesem Sommer gesehen habe. Davies hat eine Serie über die Wut geschrieben, die aus dem Handy in den Vorgarten kriecht, und er nimmt dabei niemanden aus der Verantwortung, weder Clive noch Leo. Die IMDb-Wertung von 8,2 halte ich für verdient. Wer den deutschen Start bei HBO Max verpasst hat, holt das besser diese Woche nach.

4,5 von 5