Powers: Vor zehn Jahren scheiterte Sonys PlayStation-Serienexperiment
Vor zehn Jahren endete „Powers“, Sonys gescheitertes PlayStation-Serienexperiment. Der Rückblick zeigt, was schiefging und was aus dem Comic-Noir wurde.
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Vor zehn Jahren, am Dienstag, 19. Juli 2016, lief die letzte Folge von „Powers“ über die Bildschirme des PlayStation Network. Mit ihr endete eines der eigenartigsten Kapitel der Streaming-Geschichte, lange bevor Streaming überhaupt ein Alltagswort war.
Sony wollte mit der Serie beweisen, dass eine Spielkonsole auch als Fernsehsender taugt. Am Ende blieb vor allem eine Lehre übrig, wie schwer dieser Spagat wirklich ist.
Wie eine Spielkonsole zum Fernsehsender werden sollte
Powers basiert auf der gleichnamigen Comicreihe von Brian Michael Bendis und Zeichner Michael Avon Oeming, die seit den frühen 2000er-Jahren als Creator-Owned-Serie erschien. Für die TV-Fassung tat sich Bendis mit Autor Charlie Huston zusammen. Sony Pictures Television produzierte die Serie gemeinsam mit Circle of Confusion.
Am Dienstag, 10. März 2015, ging Powers als erste Scripted-Eigenproduktion des PlayStation Network an den Start. Sony wollte damit seine Gaming-Plattform zu einer ernstzunehmenden Streaming-Alternative ausbauen, jenseits von Konsolenspielen. Der Zeitpunkt hätte kaum ambitionierter sein können.
Im selben Frühjahr etablierte Netflix mit „Daredevil“ seine düsteren Street-Level-Helden, während „The Flash“ beim Sender The CW und „Gotham“ bei Fox längst Quotenerfolge waren. Powers musste sich in einem hart umkämpften Superhelden-Markt behaupten, noch dazu auf einer Plattform ohne jede Fernseh-Tradition.
Verhaltene Kritiken zum Start
Die Fachpresse reagierte auf den Start verhalten bis kühl. Kritiker Brian Lowry urteilte, „PlayStation hat sich einen Comic mit großem Konzept gekauft und daraus eine Low-Budget-Krimiserie im Stil des Basic Cable gemacht“. Es fehle, so Lowry weiter, „der visuelle Glanz, um im überfüllten Superhelden-Markt mitzuhalten“.
The Hollywood Reporter kritisierte die günstig wirkende Optik und die hölzernen Computereffekte, lobte aber Hauptdarsteller Sharlto Copley für sein Charisma. Chefkritiker Tim Goodman brachte die Tonalität der ersten Staffel auf den Punkt.
„Powers fühlt sich nicht wie eine Comicserie an, sondern wie ein hartes Cop-Drama, in dem manche Leute zufällig fliegen können“, schrieb Goodman. Das sei die große Stärke der Serie, aber eben auch ihre budgetbedingte Grenze.
Belastbare Abrufzahlen für das PlayStation Network gibt es bis heute nicht, offizielle Quoten veröffentlichte Sony nie. Der einzige greifbare Hinweis stammt von Bendis selbst, der mitteilte, die kostenlos auf YouTube gestellte erste Folge der zweiten Staffel habe innerhalb kurzer Zeit über vier Millionen Zuschauer erreicht.
Nennenswerte Nominierungen bei großen Fernsehpreisen wie den Emmys blieben aus.
Ein vergessenes Experiment mit langem Nachhall
Zehn Jahre nach dem Finale ist der kulturelle Fußabdruck von Powers gering. Die US-Fachpresse ordnet die Serie heute vor allem als gescheitertes Experiment einer Gaming-Plattform ein, die im Streaming-Geschäft Fuß fassen wollte.
Trotzdem gilt Powers rückblickend als Vorläufer eines Subgenres, das später richtig zündete, dem dekonstruktiven, zynischen Erwachsenen-Superhelden-Drama. Fehlbare, kaputte Helden in einer von Social Media, Gier und Promikult zerfressenen Welt, genau diese Prämisse perfektionierte wenige Jahre später „The Boys“.
Nach dem Aus für Powers stampfte Sony seine Pläne für eigene, rein fiktionale Serien auf dem PlayStation Network komplett ein. Das Experiment blieb ein einmaliger Versuch, keine Fortsetzung.
Aktueller Stand ohne Reboot
Am Mittwoch, 3. August 2016, bestätigte Sony offiziell das Aus nach zwei Staffeln. Bendis meldete sich damals selbst zu Wort und schrieb, „das hier zu twittern fällt schwer, aber offenbar gibt es Powers leider nicht mehr, Staffel zwei war die letzte, zumindest fürs Erste“.
Immerhin betonte er, „diese Serie war für uns eine Meta-Erfahrung“. Die Comicreihe selbst lief bei Marvels Icon-Imprint unabhängig weiter, eine Wiederbelebung der TV-Serie gab es jedoch nie.
Bis heute existieren keine offiziellen Ankündigungen zu Reboot, Spin-off oder Cast-Reunion. Auch ernsthafte Branchengerüchte dazu sind nicht bekannt.
Deutsche Ausstrahlung und heutige Verfügbarkeit
Hierzulande startete Powers am Dienstag, 21. Juli 2015, beim Pay-TV-Sender Sky Atlantic HD, unter dem unveränderten Originaltitel. Die deutsche Synchronisation übernahm die Berliner Synchron GmbH Wenzel Lüdecke im Auftrag von Sky Deutschland.
Detective Christian Walker, gespielt von Sharlto Copley, sprach im Deutschen Jaron Löwenberg. Seine Partnerin Deena Pilgrim, verkörpert von Susan Heyward, bekam die Stimme von Tanya Kahana.
In einer Streaming-Flatrate ist Powers hierzulande aktuell nirgends zu finden, weder bei Netflix, Amazon Prime Video, Disney+ noch bei HBO Max. Die frühere Exklusivität bei Sky ist längst ausgelaufen.
Wer die Serie zehn Jahre nach dem Finale nachholen will, findet beide Staffeln zum Kauf oder Einzelabruf, etwa im Amazon Store, bei Apple TV, im MagentaTV Store und im Microsoft Store. Für ein Experiment, das die Branche kaum beeinflusst hat, ist das ein bemerkenswert langes Nachleben.