Zehn Jahre The Tick: Wie eine Superhelden-Satire den Weg für The Boys ebnete
Vor zehn Jahren startete der Pilot von „The Tick“ bei Amazon. Rückblick auf Produktion, Kritiken, das Aus 2019 und die Streaming-Lage 2026 in Deutschland.
Inhaltsverzeichnis
Heute vor zehn Jahren stellte Amazon die erste Folge der Serie „The Tick“ online, die dritte Fernsehfassung von Ben Edlunds Comic-Helden und die erste, die den Sidekick zur eigentlichen Hauptfigur machte. Nach zwei Staffeln war Schluss, doch ihre Handschrift erkennt man im Superhelden-Programm der Streamingdienste bis heute.
Mit Klick auf "Abspielen" werden Daten an YouTube übertragenWie alles begann
Der Ursprung noch viel länger zurück, nämlich im Jahr 1986. Ben Edlund war damals 18 Jahre alt und erfand die Figur als Maskottchen für einen Comicladen in Massachusetts. Aus dem Werbegag wurde ein Indie-Comic, daraus 1994 eine Zeichentrickserie und 2001 eine kurzlebige Realserie beim US-Sender FOX mit Patrick Warburton in der Titelrolle.
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Im März 2016 kündigte Amazon Studios einen neuen Piloten an, doch Warburton kehrte aus Termingründen nicht vor die Kamera zurück, blieb dem Projekt aber als Executive Producer erhalten. Die Regie übernahm Wally Pfister, Oscar-Preisträger und zuvor Kameramann von Christopher Nolans Dark-Knight-Trilogie, der dem Stoff eine auffällig geerdete Optik verpasste.
Als Co-Showrunner holte Edlund dann David Fury mit an Bord, der schon „Buffy“, „Lost“ und „24“ mitverantwortet hatte. Hinter der Produktion standen Sony Pictures Television, Josephson Entertainment und Amazon Studios, unter den ausführenden Produzenten fand sich zudem Barry Sonnenfeld.
Der Pilot lief am Freitag, 19. August 2016, in Amazons Comedy Pilot Season, im internen Wettbewerb mit „I Love Dick“ und „Jean-Claude Van Johnson“. Joe Lewis, damals Chef der Halbstünder bei Amazon Studios, bewarb das Verfahren mit dem Satz „Nirgendwo sonst teilen sich so einflussreiche Stimmen wie Jill Soloway und Jean-Claude Van Damme eine Bühne. Und das sind nur die Js.“
Das Publikum durfte abstimmen, im September 2016 bestellte Amazon daraufhin eine erste Staffel mit zwölf Episoden. Die kam allerdings in zwei Hälften, sechs Folgen im August 2017, sechs weitere im Februar 2018. Diese Aufteilung sollte der Serie später dann noch auf die Füße fallen.
Warum die Serie einschlug
Die Neufassung traf einen Nerv, weil sie den Blödsinn ernst nahm. Co-Showrunner David Fury beschrieb den Ansatz in einem Interview mit den Worten „Zum ersten Mal steht The Tick in einer sehr realen Welt. Einer Welt, in der viel für die Figuren auf dem Spiel steht, in der es Tod gibt, Blut, Verlust, emotionales Gewicht, zusätzlich zu all der Komik, die man von The Tick erwartet.“
Das die Kritik die Serie liebte, war so nicht zu erwarten. Rotten Tomatoes weist für die erste Staffel 90 Prozent aus 63 Besprechungen aus, die zweite Staffel steht dort bei 100 Prozent. Tim Goodman, TV-Kritiker des Hollywood Reporter, nannte die Titelfigur „den Helden, den wir brauchen“.
Auch die Fernsehakademie schaute hin und bedachte die Serie mit zwei Emmy-Nominierungen, 2018 für die Titelmusik von Chris Bacon und 2019 für die Stunt-Koordination von Chris Cenatiempo. Gewonnen hat die Serie leider in keiner der beiden Kategorien.
Belastbare Zahlen legte Amazon aber nie vor und nannte die Serie im Januar 2018 lediglich eine der meistgestreamten Prime-Originalserien in den USA. Für die Produktionskosten reichte die Zuschauerbindung am Ende jedenfalls nicht.
Das Vermächtnis
Die eigentliche Hauptfigur war nie der blaue Riese, sondern sein Begleiter Arthur Everest. Edlund schrieb dessen Vorgeschichte radikal um. Als Kind musste Arthur mitansehen, wie ein Superschurke seinen Vater tötete, seither lebt er mit den Folgen des Traumas und nimmt Medikamente gegen eine vermeintliche Schizophrenie.
Damit unterschied sich die Fassung von 2016 grundlegend von ihren Vorgängerinnen. 1994 und 2001 funktionierte der Stoff als episodische Sitcom, Edlund dagegen packte psychologische Themen in ein durchgehend absurdes Setting. Wie offen er die Titelfigur dabei hielt, machte Fury deutlich.
Wir können mit allen Versionen spielen, die The Tick sein könnte. Es gibt so viele Theorien. Er ist ein Roboter, er ist ein Außerirdischer, er ist ein Verrückter, er ist das Produkt eines verrückten Wissenschaftlers.
David Fury
Die Nebenfiguren trugen das mit, der zynische Cyborg Overkill ebenso wie die von Identitätskrisen geplagte Schurkin Ms. Lint. Dass ein Comedy-Format komplexe Figurenbögen aushält, führen heute „Peacemaker“ und „Doom Patrol“ vor.
Der direkteste Erbe stand da schon mit „The Boys“ in den Startlöchern. „The Boys“ ging 2019 bei Amazon an den Start, wenige Monate nach dem Aus für The Tick, und setzte auf blutigen Zynismus statt auf die warme Grundhaltung des Vorgängers.
Wie es weiterging
Am Donnerstag, 16. Mai 2019, verkündete Edlund das Aus über Twitter.
„Ich muss leider sagen, dass Amazon sich gegen eine Fortsetzung entschieden hat. Was ich gern sage, ich liebe diese Serie, ihren Cast, ihre Geschichte und ihre Botschaft. Das Schicksal verlangt, dass meine Mitstreiter und ich jetzt ein neues Zuhause dafür suchen.“
Die Fans machten prompt mobil, unter #SaveTheTick und #LunaTickArmy suchten sie einen neuen Abnehmer. Am Samstag, 15. Juni 2019, stand das Ergebnis fest, kein Anbieter griff zu, und die Vorverträge des Casts liefen zeitgleich aus. Geblieben sind von der Serie dann auch nur 22 Folgen in zwei Staffeln.
Ein Wiedersehen gab es trotzdemden im November 2020 lasen die Ensembles aller drei Fernsehfassungen gemeinsam online, zugunsten der Hilfsorganisation Feeding America. Aus dem 2016er-Aufgebot machten Peter Serafinowicz, Griffin Newman, Valorie Curry, Brendan Hines und Scott Speiser mit, dazu Edlund selbst.
Seither ist es still um die Serie. Weder ein Reboot noch ein Spin-off oder eine Fortsetzung steckt derzeit in Entwicklung.
So lief die deutsche Ausstrahlung
In Deutschland startete die Serie am Freitag, 13. Oktober 2017, bei Amazon Prime Video, zunächst mit den Episoden 1 bis 6. Den Titel ließ der Anbieter unverändert, ein deutscher Beiname blieb der Figur Gott sei Dank erspart.
Die Synchronfassung übernahm Arena Synchron in Berlin. Die Dialogregie führte Patrick Baehr, die Bücher schrieben Julius Jellinek, Marcel Kurzidim und Baehr selbst.
Hinter dem blauen Kostüm sprach Ingo Albrecht, Arthur bekam die Stimme von Michael Ernst. Nicole Hannak übernahm Dot, Tobias Kluckert den Cyborg Overkill, Tim Knauer den Übermenschen Superian, Maria Koschny die Schurkin Ms. Lint, Torsten Michaelis den Bösewicht The Terror und Christian Gaul das sprechende Boot Dangerboat.
Wo The Tick heute streamt
Die Rechte lagen nie bei Amazon, sondern bei Sony Pictures Television. Nach dem Ende der Exklusivität verwertete Sony sie neu und brachte beide Staffeln im Juli 2026 zusätzlich ins Netflix-Abo, seit Mittwoch, 15. Juli 2026, stehen dort alle 22 Episoden bereit.
Bei Prime Video bleibt „The Tick“ ebenfalls im Abo enthalten, ein echter Plattformwechsel war das also nicht. Gut fpür denjenigen, der nur einen der beiden Abos hat.