Web Therapy wird 15: Lisa Kudrows Videocall-Serie war ihrer Zeit voraus
15 Jahre „Web Therapy“, Lisa Kudrows Videocall-Comedy, die Skype und Zoom vorwegnahm. Was Kritiker damals schrieben und wie es um die Serie in Deutschland steht.
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Am Sonntag, 19. Juli 2011, lief bei Showtime eine Comedy an, die komplett über Bildschirme spielt. In „Web Therapy“ sitzt Therapeutin Fiona Wallice vor ihrem Rechner und behandelt ihre Patienten ausschließlich per Videochat, jede Sitzung dauert exakt drei Minuten. Fünfzehn Jahre später wirkt dieses Setup weniger wie ein schräger Gag als wie eine Prognose auf unseren heutigen Videocall-Alltag.
Erdacht und gespielt hat die Serie Lisa Kudrow, die mit „Web Therapy“ nach „Friends“ ihr eigenes komödiantisches Universum aufzog. Zum 15. Jubiläum lohnt sich der Blick zurück auf ein Format, das lange vor Zoom-Meetings und Telemedizin-Sprechstunden genau diese Zukunft durchspielte.
Vom Web-Format zur Showtime-Serie
Die Wurzeln liegen im Netz. Bereits 2008 lief „Web Therapy“ als kurze Web-Serie auf LStudio.com, bevor Showtime daraus ein eigenes Format machte. Für die TV-Fassung fasste der Sender mehrere Kurzepisoden zu halbstündigen Folgen zusammen und drehte zusätzliches Material, sodass am Ende eine reguläre Sitcom-Struktur entstand.
Hinter der Serie stand ein eingespieltes Trio. Lisa Kudrow übernahm die Hauptrolle und produzierte mit, Don Roos führte Regie und schrieb mit, Dan Bucatinsky spielte Fionas Ehemann Jerome und saß ebenfalls mit am Produzententisch. Produziert wurde über die gemeinsame Firma Is or Isn't Entertainment, gemeinsam mit Showtime Networks und L Studio.
Formal blieb die Serie radikal reduziert. Jede Szene spielt ausschließlich über abgefilmte Videochat-Fenster, technisch angelehnt an iChat und Skype, ganz ohne klassische Kameraeinstellungen im Raum. Die Dialoge waren dabei stark improvisiert, das Team gab den Darstellern nur grobe Handlungsstränge vor und ließ den Rest offen.
Kritiker uneins, Kudrow gefeiert
Zum Sendestart reagierte die US-Presse gespalten. Troy Patterson nannte die Serie bei Slate „atmosphärisch amüsant, aber im Allgemeinen träge“ und bemängelte, dass sich das Format zu stark auf Gaststars wie Lily Tomlin und Bob Balaban verlasse. Matt Roush von TV Guide formulierte es ähnlich zwiespältig, für ihn war es zwar schön, Kudrow wieder im Fernsehen zu sehen, doch die visuell statische und komödiantisch dünne Spielerei nutze sich rasch ab.
Im Rückblick fällt das Urteil milder aus, bei Metacritic sammelten sich über die Jahre überwiegend positive Nutzerbewertungen. Für Kudrow persönlich zahlte sich die Rolle ohnehin aus, sie erhielt eine Primetime-Emmy-Nominierung als beste Hauptdarstellerin in einer Comedyserie, dazu holte sich das Web-Format schon 2009 einen Webby Award für die beste komödiantische Leistung.
Eine Serie, die ihrer Zeit voraus war
Der eigentliche Clou zeigt sich erst im Abstand von anderthalb Jahrzehnten. Die Medienwissenschaftlerin Jennifer O'Meara attestierte der Serie, dass sie „Realitäten der alltäglichen Internetnutzung geschickt in den Vordergrund rückt“, lange bevor Videocalls zum Beruf für Millionen wurden. Homeoffice-Meetings, Telemedizin-Termine und die ganze Zoom-Müdigkeit der Pandemiejahre wirken im Rückblick fast wie eine Fortsetzung von Fionas Praxis.
Lisa Kudrow selbst beschrieb die Ausgangsidee im Gespräch mit CNN so, „Ich dachte mir einfach, dass die Leute so viel im Internet machen. Aber ich hielt es auch für die schlechteste Idee der Welt, schnelle dreiminütige Therapiesitzungen anzubieten, noch dazu per Webchat statt persönlich. Ich weiß nicht, ich fand es einfach eine lustige Idee“. Der Guardian entlockte ihr 2015 zudem die eigentliche Stoßrichtung der Serie, sie wollte den Reality-Show-Effekt aufgreifen und kommentieren, wie bereitwillig sich Menschen im Netz selbst bloßstellen, weil genau das als Gesellschaft gefährlich sei.
Auch Fionas eigene Figur bringt das Prinzip auf den Punkt. Über das Drei-Minuten-Format heißt es in der Serie selbst, „Es sind dreiminütige Sitzungen, und genau deshalb funktioniert es. Du bist gezwungen, auf den Punkt zu kommen, und deshalb funktioniert es“. Eine Fortsetzung oder ein Reboot ist bislang nicht in Sicht, nach vier Staffeln setzte Showtime die Serie 2015 endgültig ab.
Web Therapy in Deutschland
Hierzulande lief „Web Therapy“ erstmals am Mittwoch, 9. Mai 2012, unter dem Originaltitel beim Pay-TV-Sender Glitz, einem Ableger von Turner, der erst einen Tag zuvor in Deutschland gestartet war. Eine breite Aufmerksamkeit erreichte die Serie hier nie, dafür blieb das Format wohl zu sperrig fürs Free-TV.
An der Streaming-Front hat sich daran bis heute wenig gebessert. Bei keiner der großen deutschen Flatrates, weder Netflix noch Prime Video, Disney+ oder HBO Max, ist „Web Therapy“ Teil des Angebots. Vereinzelt taucht die Serie im digitalen Kauf auf, etwa bei Apple TV oder Amazon, verlässlich verfügbar ist sie in Deutschland damit aber nicht.
Friends-Wiedersehen in Staffel 4
Für Nostalgiker hielt die vierte Staffel 2014 noch eine kleine Überraschung bereit. Als Fionas Praxis dort einen Cameo-Reigen bekannter Gesichter aufbietet, schauen mit Matthew Perry, Courteney Cox und David Schwimmer gleich drei ehemalige „Friends“-Kollegen von Kudrow vorbei, ganz ohne dass die Serie ihre eigene Videocall-Logik dafür verlässt.
Auf ihren Pioniercharakter angesprochen, zeigte sich Kudrow 2014 gegenüber TV Wunschliste durchaus stolz. Sie habe von Zuschauern gehört, die genau diesen Vorreiter-Aspekt an der Serie schätzen, und „wir sollten wirklich stolz auf die Serie sein“, so ihr Fazit. Fünfzehn Jahre nach dem Start liest sich das weniger wie Eigenlob als wie eine treffende Bilanz.