Netflix-Serie „The Polygamist“ löst weltweit Debatte über Polygamie aus
Wie die Zulu-Netflix-Serie The Polygamist in Südafrika und weltweit eine Debatte über Polygamie und Treue entfacht. Zahlen, Reaktionen, Hintergrund.
Inhaltsverzeichnis
Seit einigen Woche läuft die Serie „The Polygamist“ auf Netflix. In der ersten Woche sammelte die 22-teilige Serie zwei Millionen Aufrufe, führte in Südafrika und Kenia die Netflix-Ranglisten an und belegte weltweit Platz vier der nicht-englischsprachigen Serien. In Nigeria und Mauritius reichte es für die Top 10, in Trinidad und Tobago, Rumänien und der Dominikanischen Republik zählte die Serie ebenfalls zu den beliebtesten Titeln.
Was hinter diesen Zahlen steckt, ist eine gesellschaftliche Debatte über Polygamie, Treue und kaputte Familienstrukturen. Start, Handlung und Cast haben wir bereits in unserem Serienstart-Artikel zusammengefasst.
Jonasi Gomora und die Kernfrage
Hauptfigur Jonasi Gomora, gespielt von Sdumo Mtshali, steht im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Die Zuschauerin Letlhogonolo Mogale bezeichnete den Charakter gegenüber der BBC als „Serienbetrüger“ und „Opportunisten, der alles tut, um sich selbst zu befriedigen“. Die 35-jährige Südafrikanerin selbst kommt nicht aus einer polygamistischen Familie, dennoch habe die Serie „soziale Missstände gezeigt, die in Südafrika passieren und als normal gelten“.
Film- und TV-Kritiker Phil Mphela sieht das ähnlich. „The Polygamist“ drehe sich weniger um kulturell verankerte Polygamie als um das „ungeheure Verhalten dieses Mannes“, den Mphela als Narzissten einordnet. Trotzdem nannte er die Serie gegenüber der BBC einen „Wendepunkt“ für die südafrikanische Film- und Fernsehbranche.
Minibus-Taxis und Celebrity-Reaktionen
Die Debatte griff schnell über Südafrikas Grenzen hinaus. In Nairobi ließen Fahrer von Minibus-Taxis ihre Fahrzeuge mit Jonasis Gesicht und Namen neu dekorieren. Der nigerianische Afrobeats-Star Davido schrieb auf Twitter, Jonasi sei „absolut wild“. Emmy-Preisträgerin und Talkshow-Moderatorin Sherri Shepherd kommentierte auf Instagram mit den Worten „Ich dachte, Crazy Rich Asians sei etwas Besonderes, aber crazy rich Africans ist noch eine ganz andere Welt“. Schauspielerin Taraji P. Henson, bekannt aus „Hidden Figures“ und „Empire“, antwortete darauf, die Serie habe sie „nicht mehr losgelassen“ und sie habe alle Folgen an einem einzigen Tag gesehen.
Kulturerbe oder Betrug?
Polygamie ist in Südafrika legal anerkannt und in Zulu-, Xhosa-, Ndebele- und Venda-Kulturen verbreitet. Üblicherweise leben die Frauen in getrennten Haushalten und kooperieren bei der Kinderbetreuung. „The Polygamist“ zeige jedoch ein anderes Bild, meinen viele Zuschauerinnen. Das gezeigte System wirke heimlich, aufgezwungen und von Verrat geprägt. Dazu greift die Serie auch HIV auf, was in einem Land, in dem 13 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus leben, zusätzliche Brisanz erzeugt.
Der kenianische Verwaltungsbeamte Geoffrey Mosiria forderte ein Verbot der Serie in Kenia. Sie gebe Polygamie einen schlechten Ruf, sagt er. „Polygamie ist der beste Weg, Liebe zu finden“, erklärte er der BBC. Mosiria selbst wuchs als jüngster von 22 Kindern eines Vaters mit drei Frauen auf.
Zuma-Töchter hinter der Kamera
Hinter der Produktion stehen unter anderem Gugu Zuma-Ncube und ihre Schwester Thuli Zuma. Beide sind Töchter des früheren südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma, einem bekennenden Polygamisten mit derzeit vier Ehefrauen, sechsmaliger Ehe und schätzungsweise 20 Kindern. Viele Szenen seien direkt aus den Erfahrungen des Teams entstanden, erklärte Zuma-Ncube der BBC. „Ich komme aus einer sehr polygamistischen Familie. Das habe ich eingebracht“, sagte sie.
Die Vorlage für die Serie lieferte der gleichnamige Roman der simbabwischen Autorin Sue Nyathi aus dem Jahr 2012. Nyathi meldete sich diese Woche auf Instagram, weil in Nairobi gefälschte Buchexemplare auftauchten. „Bitte kauft keine Raubkopien. Ich arbeite Tag und Nacht daran, das Buch in der ostafrikanischen Region verfügbar zu machen“, wandte sie sich an ihre Fans. Netflix produziert „The Polygamist“ gemeinsam mit dem südafrikanischen Produktionsunternehmen Stained Glass TV.
Staffel 2?
Zuschauerinnen und Zuschauer fragen seit der ersten Woche nach einer zweiten Staffel. Produzentin Zuma-Ncube ließ sich gegenüber der BBC nicht festlegen. „Was uns letztlich leiten wird, ist die Geschichte und das Publikum. Wer weiß, wo wir am Ende landen“, sagte sie.