15 Jahre The Hour: Britanniens Antwort auf Mad Men aus dem BBC-Newsroom
Vor 15 Jahren startete „The Hour“ auf BBC Two, Britanniens Antwort auf Mad Men. Wir blicken zurück auf Kritikerlob, Emmy-Gewinn, das frühe Aus und die deutsche Ausstrahlung.
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Heute vor 15 Jahren ging „The Hour“ auf BBC Two an den Start, und die britische Presse hatte ihr Etikett schon parat. Abi Morgans Nachrichtendrama aus dem Londoner BBC-Newsroom des Jahres 1956 wurde reflexartig zur britischen Antwort auf „Mad Men“ erklärt. Zwei Staffeln, ein Emmy und ein bis heute bedauertes Ende später lohnt sich der Rückblick auf eine Serie, die mehr konnte als das Etikett vermuten ließ.
Der Newsroom von 1956, die andere Antwort auf Mad Men
Kudos Film and Television produzierte die Serie im Auftrag der BBC, Autorin Abi Morgan siedelte die Handlung mitten im London des aufkommenden Fernsehjournalismus an. Ben Whishaw spielte den ehrgeizigen Reporter Freddie Lyon, Romola Garai dessen Produzentin Bel Rowley und Dominic West den smarten Moderator Hector Madden. Der Vergleich mit dem US-Vorbild lag nahe, zur gleichen Zeit lief in Amerika schließlich die Werbeagentur-Saga über die Sechzigerjahre.
Abi Morgan und die Kritik betonten trotzdem von Anfang an, dass Ort, Jahrzehnt und Branche kaum unterschiedlicher sein könnten. Statt einer Madison-Avenue-Agentur gab es eine BBC-Nachrichtenredaktion, statt New York ein London im Kalten-Kriegs-Fieber. Der Charme der Serie lag genau in dieser Reibung, Spionage-Andeutungen und Redaktionsalltag trafen auf britischen Understatement-Humor, was der Serie phasenweise fast zu viele Genres gleichzeitig aufbürdete.
Kritikerlob und sinkende Quoten
Der Kritikerkonsens auf Rotten Tomatoes bescheinigt der ersten Staffel bis heute ein Certified-Fresh-Rating von 94 Prozent, ein für eine BBC-Produktion beachtlicher Wert. Guardian-Kritiker Sam Wollaston beschrieb die Serie damals als „eine Mischung aus Drop the Dead Donkey und Spooks, garniert mit einem Hauch Mad Men fürs Zeitkolorit, auch wenn es ein anderes Jahrzehnt ist“. Genau dieses Sowohl-als-auch aus Krimi, Spionage und Drama war für manche Kritiker ein Pluspunkt, für andere schlicht zu viel auf einmal.
Beim Publikum lief es ähnlich zwiespältig. Die Pilotfolge sahen im Vereinigten Königreich 2,99 Millionen Zuschauer, bis zum Staffelfinale sackte die Reichweite auf 1,86 Millionen ab. Die zweite Staffel verlor beim linearen Fernsehen weiter an Zuschauern, und das trotz eines Primetime Emmy Awards und einer Golden-Globe-Nominierung für Dominic West. Ein Widerspruch, der sich durch die gesamte Geschichte der Serie zieht, Kritikerliebling auf der einen Seite, Quotenschwund auf der anderen.
Warum The Hour bis heute nachwirkt
Rückblickend gilt die Serie als einer der wichtigsten britischen Beiträge zum goldenen Zeitalter des Prestige-Fernsehens. Kritiker loben vor allem Bel Rowley als eine der differenziertesten Frauenfiguren in Führungsposition, die das Fernsehen der Fünfzigerjahre hervorgebracht hat. Wer eine toughe Produzentin in einer von Männern dominierten Redaktion sehen wollte, fand in Romola Garais Rolle ein Vorbild, das seiner Zeit voraus war.
Genau diese Kombination aus Zeitkolorit und moderner Frauenfigur macht die Serie in Fan-Foren und TV-Blogs bis heute zum Gesprächsthema. Passend dazu erzählte Romola Garai gegenüber dem Guardian, wie sehr sie die Rolle sofort gepackt hatte. Schon die erste Skriptzeile, in der Bel an ihrem Schreibtisch sitzt, reichte ihr, um zu wissen, dass diese Figur ihr gehört.
Das abrupte Ende nach zwei Staffeln
Am Dienstag, 12. Februar 2013, verkündete die BBC das Aus für die Serie, nur wenige Monate nach dem Cliffhanger-Finale der zweiten Staffel. Der Sender begründete die Absetzung mit einem knappen Statement, das Fans bis heute übel nehmen. „Wir haben die Serie geliebt, mussten aber harte Entscheidungen treffen, um Platz für neue Formate zu schaffen“, hieß es offiziell.
Was genau hinter diesen harten Entscheidungen steckte, ob Kosten, Quoten oder eine redaktionelle Neuausrichtung den Ausschlag gaben, hat die BBC nie im Detail erklärt. Eine dritte Staffel gab es nicht, ein Cliffhanger blieb für immer offen. Für viele Kritiker bleibt „The Hour“ darum das Paradebeispiel einer Serie, die brillant war und trotzdem viel zu früh gecancelt wurde.
Reboot oder Wiedersehen? Fehlanzeige
Wer auf eine dritte Staffel, einen Film oder wenigstens ein Cast-Reunion-Projekt hofft, wartet bis heute vergeblich. Belastbare Gerüchte zu einer Fortsetzung gibt es keine, weder von der BBC noch von den beteiligten Darstellern. Der Cliffhanger aus dem zweiten Staffelfinale bleibt damit endgültig ungelöst, und genau das macht die Serie 15 Jahre später zu einem der hartnäckigsten Fälle von unerledigtem Fernsehgeschäft im britischen Drama.
The Hour in Deutschland
Hierzulande zeigte arte die erste Staffel ab Donnerstag, 7. März 2013, in Doppelfolgen, der deutsche Titel blieb schlicht The Hour. Eine deutsche Synchronfassung existiert bis heute, auch wenn sich das verantwortliche Synchronstudio in den gängigen Datenbanken nicht mehr sauber nachweisen lässt. Wer die Serie 15 Jahre nach dem Original-Start nachholen will, findet sie aktuell bei Amazon Prime Video, dort sowohl als Kauftitel als auch im werbefinanzierten Angebot. Ein deutsches Streaming-Abo mit Flatrate-Zugriff gibt es derzeit nicht, wer reinschauen will, zahlt also einzeln oder nimmt Werbepausen in Kauf. Kein schlechter Deal für eine der unterschätztesten Newsroom-Serien der vergangenen 15 Jahre.