Reacher Staffel 4 im Test: Mehr Fäuste, weniger einsamer Wolf
Reacher Staffel 4 auf Prime Video im Test. Alan Ritchson prügelt härter als je zuvor, doch das Ensemble kostet den Einzelgänger seine größte Stärke.
Ich habe die ersten vier Episoden von „Reacher“ Staffel 4 an zwei Abenden weggeschaut und war danach hin- und hergerissen. Man prügelt sich in der Actionserie von Prime Video so hart wie nie, nur ist sie nicht mehr ganz die Serie, für die ich Staffel 3 so sehr gefeiert habe.
Mit Klick auf "Abspielen" werden Daten an YouTube übertragenEine Selbstmordattentäterin in der U-Bahn von Philadelphia
Staffel 4 adaptiert Lee Childs Roman „Gone Tomorrow“, auf Deutsch „Underground“, also was der Verlag hier so „Deutsch“ nennt.
Jack Reacher sitzt nachts in einer U-Bahn in Philadelphia, nachdem er sich vorher noch ein Steak-Sandwich genehmigt hat. Er mustert eine Mitreisende, die sämtliche Merkmale einer Selbstmordattentäterin zeigt und zack, erschießt sie sich vor seinen Augen.
Danach jagen ihn Behörden und Gangster wegen eines Speichersticks, den er nie besessen hat. Gemeinsam mit zwei Polizisten und einem Journalisten gräbt er sich in eine Verschwörung, deren Fäden bis in hohe Regierungskreise laufen.
Alan Ritchson spielt Reacher zum vierten Mal, neu im Ensemble sind unter anderem Agnez Mo und Anggun als Lila und Amisha Hoth, dazu Sydelle Noel, Christopher Rodriguez Marquette und Kevin Corrigan.
Der Auftakt ist der beste seit Serienbeginn und die U-Bahn-Sequenz lässt sich echt Zeit. Reacher geht innerlich seine Checkliste durch, und ich saß die ganze Zeit da und wusste, dass diese Ruhe gleich vorbei ist.
Also Besser kann eine Actionserie nicht anfangen.
Ritchson schlägt härter zu als in drei Staffeln zuvor
Die Staffel lebt fast vollständig von Ritchsons körperlicher Präsenz und seiner schauspielerischen Leistung. Die Kampfchoreografien legen gegenüber den Staffeln zuvor noch einen Gang zu. Faustkämpfe, Schusswechsel, Messer, irgendwann sogar ein Elektroschocker, und keine dieser Auseinandersetzungen fühlt sich für mich wie die Wiederholung der vorherigen an.
Was mich dabei bei Laune hält, ist der trockene Humor Reachers. Er redet wenig, und wenn er redet, sitzt der Satz. Diese Mischung aus Wortkargheit und Wucht funktioniert bei Ritchson inzwischen so selbstverständlich, dass ich mir schlicht keinen anderen Darsteller mehr in der Rolle vorstellen mag.
OK, er läuft immer noch wie ein Kleiderschrank durch die Gegend, aber das muss wohl so sein.
Zu viele Mitstreiter für einen einsamen Wolf
Und trotzdem hakt es dann aber doch irgendwie und es lässt sich auch erklären. Reacher bekommt in dieser Staffel wieder Personal zur Seite gestellt, ein Politikerpaar gehört dazu, mehrere weitere Figuren ebenso. Genau daran ist für mich schon Staffel 2 gescheitert. Am stärksten ist „Reacher“ immer dann, wenn der Hüne allein und weit weg von jeder Großstadt unterwegs ist. Das war eigentlich die größte Stärke der vorherigen Staffel.
Hier laufen stattdessen Großstadt, Militär, Ensemble und Regierungsverschwörung zusammen, und der einsame Wolf steht plötzlich in einer Lagebesprechung. Er verliert damit seine beste Eigenschaft, nämlich die vollständige Unabhängigkeit von allem und jedem.
Dazu bleiben die Nebenfiguren blass, die Gegenspieler wie die Verbündeten. Kaum eine von ihnen bekommt einen Zug, der über ihre Funktion in der Handlung hinausgeht. In einer Serie, die ihre Hauptfigur mit ein paar Blicken so präzise umreißt, kommt man schon ins Grübeln.
Wer wegen der Action einschaltet, bekommt hier die beste, die diese Serie je hatte. Wer wegen des einsamen Drifters bleibt, bekommt eine gute Staffel mit einem strukturellen Problem.
Ich zähle mich zur zweiten Gruppe und schaue trotzdem jeden Mittwoch weiter, weil Ritchson jede erzählerische Schwäche mit purer Präsenz zudeckt.
Am 16. September übernimmt dann der Ableger um Frances Neagley, und ich bin gespannt, ob das Konzept ohne den Hünen funktionieren wird. Ein Review wirds auf STREAMINGWORLD auf jeden Fall dazu geben.