15 Jahre HawthoRNe: Wie das Serienfinale zum Schlusspunkt ohne Auflösung wurde
Am 16. August 2011 endete HawthoRNe mit einem Cliffhanger, den TNT nie auflöste. Rückblick auf Quoten, Kritiken, Vermächtnis und die deutsche Ausstrahlung.
Inhaltsverzeichnis
Heute vor genau 15 Jahren, am Dienstag, 16. August 2011, lief in den USA die letzte Folge von „HawthoRNe“, der TNT-Krankenhausserie mit Jada Pinkett Smith als Pflegedirektorin Christina Hawthorne. Wer damals einschaltete, bekam keinen Abschied, sondern Schüsse im Dunkeln und einen Cliffhanger. Aufgelöst hat ihn nie jemand.
Wie alles begann
Hinter der Serie steckt John Masius, der zuvor „St. Elsewhere“, „Providence“ und „Touched by an Angel“ entwickelt hatte. Sein Entwurf trug zunächst den Arbeitstitel „Time Heals“ und spielte im fiktiven Richmond Trinity Hospital in Richmond, Virginia. Die Serie erzählt konsequent aus Sicht der Chief Nursing Officer, nicht aus der Chefarztetage. Am Dienstag, 16. Juni 2009, schickte TNT die erste Folge ins Rennen.
Ruhe hinter den Kulissen gab es dabei nie. In Staffel 1 teilten sich Masius und Glen Mazzara den Showrunner-Posten, zur zweiten Staffel übernahm Mazzara allein, damit Masius sich auf die Drehbücher konzentrieren konnte. Zur dritten Staffel holte der Sender dann John Tinker als neuen Showrunner. Drei Staffeln, drei Konstellationen an der Spitze, das merkt man einer Serie irgendwann an.
Produziert haben 100% Womon Productions (Staffel 1), ab Staffel 2 Overbrook Entertainment sowie FanFare Productions und John Masius Productions, federführend war Sony Pictures Television. Pinkett Smith stand nicht nur vor der Kamera, sie war zugleich Executive Producer. Ins Seriengeschäft zurückgeholt hatte sie ausgerechnet ihr Mann, denn Will Smith las das Drehbuch und riet ihr zum Termin mit den Produzenten.
Der Zeitpunkt war kein Zufall. Im Sommer 2009 entdeckte das US-Fernsehen plötzlich die Pflege, wenige Tage vor dem TNT-Start hatte Showtime „Nurse Jackie“ ins Programm gehoben, dazu kamen „Mercy“ und „Trauma“ im Network-Fernsehen und „Royal Pains“ beim USA Network. Von dieser kleinen Welle überlebte langfristig nur „Nurse Jackie“, „Mercy“ und „Trauma“ verschwanden nach je einer Staffel wieder.
Warum die Serie trotzdem lief
Die Kritik war brutal. Robert Bianco urteilte in der USA Today, „HawthoRNe wäre schrecklich, selbst wenn es die einzige Serie im Fernsehen und das einzige Medical Drama wäre, das man je gesehen hat“. Mary McNamara nannte die Serie in der Los Angeles Times ein risikoarmes Medical Drama und ergänzte, „figurenzentriert darf nicht langweilig heißen, und die geballten Pro-Pflege-Ansprachen von Christina gleich zu Beginn tun HawthoRNe keinen Gefallen“.
Amy Amatangelo vergab im Boston Herald ein D+, Alan Sepinwall vermisste greifbare Figuren. David Bianculli fasste es milder zusammen, für ihn war die Serie „keine schlechte Serie, aber Durchschnitt“, und Durchschnitt dürfe sich das Kabelfernsehen nicht leisten. Rotten Tomatoes weist für Staffel 1 einen Tomatometer von 45 Prozent aus, spätere Staffeln bekamen gar keine aggregierte Kritikerwertung mehr.
Das Publikum sah das zunächst anders. Die Pilotfolge holte 3,82 Millionen Zuschauer beim Start und war laut TNT-Pressetext das erfolgreichste Format im werbefinanzierten Kabelfernsehen dieses Tages. Für Staffel 1 nennen die Quellen Schnitte zwischen rund 3,2 und 3,8 Millionen, Staffel 2 lag je nach Auswertung bei etwa 3,5 bis 3,7 Millionen. Staffel 3 brach dann auf rund 2,4 Millionen ein, und genau dort beginnt das Ende der Geschichte.
Ganz ohne Anerkennung blieb die Serie nicht. Pinkett Smith gewann 2010 den NAACP Image Award als beste Hauptdarstellerin in einer Dramaserie und war 2011 erneut nominiert, dazu kam 2010 eine Nominierung für den Prism Award. Emmy oder Golden Globe waren nie in Reichweite.
Das Vermächtnis
Bemerkenswert ist die Serie bis heute vor allem aus einem Grund. Eine schwarze Frau trug allein ein US-Primetime-Drama, und das war 2009 noch immer eine Seltenheit. David Bianculli stellte „HawthoRNe“ deshalb in eine sehr kurze Traditionslinie mit „Beulah“ von 1950, „Julia“ von 1968 und „Get Christie Love!“ von 1974. Auch die New York Times zog eine Traditionslinie bis zu Julia und merkte zugleich an, dass die Serie stärker ihren Star inszeniere als Klischees aufbreche.
Der zweite Punkt ist die Perspektive. Lob dafür kam vom Pflege-Advocacy-Portal The Truth About Nursing, das der Premiere bescheinigte, sie unternehme „einen ernsthaften Versuch, Geschichten aus der Perspektive der Pflege zu erzählen“. Im selben Text stand allerdings auch die Kritik, das übrige Pflegepersonal wirke schwach und rettungsbedürftig, während die Heldin alles allein richtet. Fortschritt ja, Gegenentwurf nein.
Für Pinkett Smith selbst war der Job an der Doppelrolle vor und hinter der Kamera ein Karrieresprung. Die Erfahrung als Executive Producer, inklusive Budget- und Kreativentscheidungen, legte den Grundstein für ihre spätere Arbeit als Produzentin, unter anderem für das Gesprächsformat „Red Table Talk“, das 2021 einen Daytime Emmy gewann.
Das Genre hat sie überlebt, die Serie nicht. Krankenhausdramen laufen weiter und finden ihr Publikum, zuletzt etwa mit dem Comeback des Medizindramas Doc bei RTL+. „HawthoRNe“ taucht in dieser Reihe höchstens noch als Fußnote auf, in der Forschung zur Darstellung von Pflege und schwarzen Frauen im Fernsehen dagegen bis heute als Fallbeispiel.
Das Finale ohne Auflösung
Episode 30 hieß „Shot in the Dark“ und war als Staffelfinale gedacht, nicht als Serienfinale. Vor Christinas Haus fallen Schüsse, der Polizist Nick Renata, gespielt von Marc Anthony, sackt blutend zusammen, der Wagen von Christinas Ex-Mann Tom Wakefield, gespielt von Michael Vartan, verschwindet in der Dunkelheit. Ob jemand auf Renata schoss oder er sich selbst verletzte, schildern die Quellen unterschiedlich. Sicher ist nur, dass die Folge offen endet und keine vierte Staffel diese Frage je beantwortet hat.
Die Zahlen dahinter erklären den Rest. TV Guide und die englische Wikipedia nennen für das Finale rund 2,86 Millionen Zuschauer, in Berichten rund um die Absetzung kursierte zusätzlich ein Wert von 3,6 Millionen, der sich nicht belegen lässt. Anfang September 2011 kam dann die Meldung, dass TNT keine vierte Staffel bestellte. Im Statement des Senders stand lediglich, man wisse „den enormen Einsatz aller Beteiligten sehr zu schätzen“, einen inhaltlichen Grund nannte TNT nicht. Branchenberichte verwiesen auf die eingebrochene Reichweite.
Parallel lief in den Boulevardmedien eine ganz andere Erzählung. Dort spekulierten Reporter über eine Affäre zwischen Pinkett Smith und Marc Anthony am Set und bastelten daraus einen Zusammenhang mit der Absetzung. Crewmitglieder widersprachen deutlich, und auch E! Online ordnete die Entscheidung klar den Quoten zu statt der Schlagzeilen. Belege für die Gerüchte gibt es bis heute keine, ebenso wenig wie belastbare Pläne für Fortsetzung, Reboot, Spin-off oder Reunion.
So lief die deutsche Ausstrahlung
In Deutschland startete die Serie am Mittwoch, 13. Januar 2010, um 22.15 Uhr auf ProSieben, die Pilotfolge lief dort unter dem Titel „Ich will leben!“. Bis Mittwoch, 17. März 2010, zeigte der Sender alle zehn Folgen der ersten Staffel. Danach reichte ProSieben die Serie an den kleineren Schwestersender sixx weiter, wo sie deutlich weniger Aufmerksamkeit bekam.
| Staffel | Deutsche Erstausstrahlung | Sender |
|---|---|---|
| Staffel 1 | 13. Januar bis 17. März 2010 | ProSieben |
| Staffel 2 | 4. März bis 13. Mai 2011 | sixx |
| Staffel 3 | 21. September bis 23. November 2012 | sixx |
Das deutsche Serienfinale „Ein Schuss im Dunkeln“ lief am Freitag, 23. November 2012, auf sixx, also mehr als ein Jahr nach der US-Ausstrahlung und lange nachdem die Absetzung feststand. Einen eigenen deutschen Serientitel gab es nie, hierzulande lief das Ganze schlicht als „Hawthorne“. Eine vollständige Folgenübersicht führt bis heute die Serienseite bei Serienjunkies.
Die deutsche Fassung entstand bei Scala Media in München, Dialogregie führte Christian Weygand. Claudia Lössl lieh Pinkett Smith ihre Stimme, Philipp Moog sprach Michael Vartan.
Wo HawthoRNe heute zu sehen ist
Wer die Serie jetzt nachholen will, kommt um die Kreditkarte nicht herum. In keinem deutschen Abo ist „HawthoRNe“ Stand August 2026 enthalten, weder bei Netflix noch bei Disney+, RTL+, Joyn oder HBO Max. Verfügbar sind alle drei Staffeln nur als Kauf- oder Leihtitel bei Prime Video, Apple TV und Google Play, wahlweise einzeln pro Folge oder als komplette Staffel.
Für ein Medical Drama mit drei Staffeln, drei Showrunnern und einem NAACP Image Award ist das eine magere Bilanz. Am Ende zahlt ihr also pro Staffel, und der Cliffhanger von 2011 bleibt trotzdem offen.