Deadwood: Vor 20 Jahren starb die beste Westernserie am Telefon
Vor 20 Jahren endete „Deadwood“ abrupt durch einen Rechtsstreit zwischen HBO und Paramount. Der Rückblick auf David Milchs Kult-Western, Cast und „Deadwood: The Movie“.
Inhaltsverzeichnis
Am 27. August 2006 lief bei HBO die letzte Folge von „Deadwood“. Für viele Zuschauer wirkte das Ende wie ein Abbruch mitten im Satz. Zwanzig Jahre später zählt David Milchs Westernserie zu den schroffsten und einflussreichsten Werken der HBO-Geschichte. Mit dabei waren Ian McShane und Timothy Olyphant, doch ein geplantes Finale bekam die Serie nie.
Deadwood bricht mit der Wildwest-Romantik
Als „Deadwood“ im März 2004 startete, brach die Serie mit fast jeder bekannten Wildwest-Konvention. Milch zeigte keine heroischen Revolverhelden, sondern eine Zeltstadt aus Schlamm, Krankheit und Gewalt. Dort entfaltete sich der raue Kapitalismus des amerikanischen Westens ungebremst.
Die Handlung beginnt kurz nach dem Massaker an George Armstrong Custers Truppen. Der desillusionierte Ex-Gesetzeshüter Seth Bullock erreicht die titelgebende Siedlung im Dakota-Territorium.
Dort trifft er Al Swearengen, Saloonbesitzer und heimlicher Herrscher der Stadt. Beide Männer prägen fortan Deadwoods Machtgefüge. Für Figuren und Ereignisse nutzte Milch echte Tagebücher und Zeitungsberichte aus den 1870er Jahren.
Ein Telefonat beendet Deadwood
Wirtschaftlich war „Deadwood“ von Beginn an ein Sonderfall. HBO produzierte die Serie mit Paramount Network Television und teilte deshalb die Erlöse aus internationalen Verkäufen und Syndizierung. Gleichzeitig verteuerten die aufwendigen Sets und der große Ensemble-Cast die Produktion.
Im Mai 2006 eskalierte der Konflikt in einem Telefonat zwischen Milch und HBO-Chef Chris Albrecht. Albrecht wollte neue Projekte produzieren, die vollständig dem Sender gehörten. Deshalb bot er Milch eine vierte Staffel mit sechs statt zwölf Episoden an.
Milch lehnte den Kompromiss ab. Schauspieler Dayton Callie erinnerte sich später an dessen trotzige Reaktion „Warum machen wir dann nicht gar keine?“.
Nach dem Gespräch rief Milch Olyphant an, der ein teures Haus kaufen wollte. Er riet ihm, das Angebot zurückzuziehen, weil HBO die Serie absetzen werde. Olyphant informierte panisch seinen Agenten.
Noch am selben Wochenende gelangte die Nachricht an die Fachpresse. Damit scheiterten weitere Verhandlungen zwischen Sender und Studio.
Milch macht Flüche zur literarischen Sprache
Milchs Arbeitsweise am Set war legendär chaotisch. Er lieferte selten fertige Drehbücher und schrieb Dialoge oft noch am Drehtag um. Mitunter diktierte er den Schauspielern ihre Zeilen minutenaktuell.
Diese Methode brachte den klassisch ausgebildeten Cast an seine Grenzen. Zugleich erzeugte sie die rohe Intensität, die „Deadwood“ bis heute auszeichnet.
Das auffälligste Merkmal blieb die Sprache. Milch hob das Fluchen auf ein fast shakespearesches Niveau. Auf historische Ausdrücke der 1870er Jahre wie „tarnation“ verzichtete er bewusst.
Seine Recherche zeigte, dass solche Ausdrücke auf ein modernes Publikum unfreiwillig komisch gewirkt hätten. Stattdessen nutzte er ein anachronistisch derbes Vokabular voller „fuck“ und „cocksucker“. Dieses verband er mit komplexer, poetischer Syntax.
Die Serie verändert historische Figuren
Neben Olyphant als Sheriff Seth Bullock überzeugten Molly Parker als suchtkranke Alma Garret und Robin Weigert als Calamity Jane. Powers Boothe spielte den skrupellosen Cy Tolliver, W. Earl Brown den treuen Handlanger Dan Dority.
McShane überragte das Ensemble als Al Swearengen. Die Serie zeichnete ihn als brillanten und ruchlosen Antihelden, den die Gemeinschaft zum Überleben brauchte.
Der historische Al Swearengen entsprach diesem Bild nur bedingt. Er war vor allem ein Zuhälter und zwang junge Frauen gewaltsam in sein „Gem Theater“.
| Aspekt | Darstellung in der Serie | Historische Realität |
|---|---|---|
| Al Swearengen | Charismatischer, strategischer Antiheld | Brutaler Zuhälter, gewalttätig gegen Frauen |
| Gem Theater | Zentraler Handlungsort, übersteht alle Krisen | Brannte 1879, 1894 und 1899 komplett ab |
| Swearengens Ende | Bleibt bis zuletzt in Deadwood | Verließ die Stadt 1899, starb 1904 vermutlich ermordet in Denver |
Ein Film schließt die offene Handlung ab
Die abrupte Absetzung ließ zentrale Handlungsstränge offen und enttäuschte viele Fans. Erst am 25. Juli 2018 gab HBO grünes Licht für einen Abschlussfilm. Daniel Minahan übernahm zwölf Jahre nach dem Serienende die Regie.
Für 20,7 Millionen US-Dollar holten die Produzenten fast den gesamten, inzwischen international gefragten Originalcast zurück. Powers Boothe war inzwischen verstorben. Aus Respekt besetzte das Team seine Rolle nicht neu.
„Deadwood: The Movie“ feierte am 31. Mai 2019 Premiere. Kritiker würdigten den Film als emotionalen Abschluss.
Eine traurige Realität überschattete die Produktion. Ärzte hatten bei Milch kurz zuvor Alzheimer diagnostiziert. Er schrieb das Drehbuch selbst, überließ die Umsetzung aber weitgehend Minahan und Co-Autorin Regina Corrado.
Die deutsche Fassung verliert sprachliche Wucht
In den USA gewann „Deadwood“ acht Emmys und einen Golden Globe für McShane. Neben „The Sopranos“ und „The Wire“ prägte die Serie die goldene HBO-Ära. Sie ebnete dem moralisch ambivalenten Antihelden im Fernsehen den Weg.
In Deutschland blieb „Deadwood“ dagegen ein Nischenprodukt. Die Erstausstrahlung begann am 7. Februar 2006 im Nachtprogramm von Premiere Film, dem heutigen Sky. Verlässliche Einschaltquoten sind nicht überliefert.
Ein Grund könnte die aufwendige Synchronisation sein. Milchs poetisch-vulgäre Sprache lässt sich kaum angemessen übertragen und verliert auf Deutsch lyrische Wucht. Die deutsche Fassung war prominent besetzt.
Lutz Riedel sprach Swearengen in der Serie. Markus Pfeiffer lieh Bullock seine Stimme.
Deadwood bleibt im Sky-Angebot
Für deutsche Zuschauer liegen die Rechte an „Deadwood“ weiterhin im Sky-Kosmos. Dessen Streaming-Angebot läuft inzwischen unter der Marke HBO Max.
Die Verfügbarkeit von Serie und Film im Abo schwankt mit den Lizenzen aber enorm. Verlässlicher bleiben der digitale Kauf oder die Leihe auf den gängigen VOD-Plattformen.
Zwanzig Jahre nach dem Telefonat im Mai 2006 bleibt „Deadwood: The Movie“ die einzige verbindliche Antwort der Serie. Sie gewährt den Figuren doch noch einen Abschluss.