Vor Netflixs Monster: Dieser Dahmer-Film mit Jeremy Renner aus 2002 macht mehr richtig
Der Spielfilm Dahmer von 2002 mit Jeremy Renner überzeugt nachhaltiger als Netflixs Monster-Serie mit Evan Peters. Ein Vergleich zweier Dahmer-Porträts.
Zwei Produktionen, ein Killer, grundverschiedene Ansätze. „Dahmer - Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer“ läuft auf Netflix über zehn Episoden und zehn Stunden, Evan Peters spielt darin Jeffrey Dahmer. Der Spielfilm „Dahmer“ aus dem Jahr 2002 erledigt dasselbe in 101 Minuten, Jeremy Renner in der Hauptrolle. Wer beide kennt, kommt zu einem ziemlich klaren Ergebnis.
Kein Gramm Fett
David Jacobson führte im Jahre 2002 Regie und sein Film konzentriert sich auf eine einzige Nacht, Dahmers letzte als freier Mann, mit sparsamen Rückblenden. Bruce Davison spielt Dahmers Vater Lionel. Er entdeckt im Schuppen versteckte Chemikalienbehälter und Tierknochen. Das reicht, um Dahmers Kindheit zu zeichnen. Ebenso genügt eine einzige weitere Szene für das Thema Systemversagen. Zwei schwarze Frauen meldeten Bedenken zu Dahmers Verhalten, Polizeibeamte ignorierten sie und glaubten stattdessen Dahmers Version der Geschichte. Eine Szene, kein Erklärtext, keine Deutung.
Die Netflix-Adaption dagegen widmet denselben Themen zehn Stunden. Die ersten fünf Episoden springen zwischen Kindheit und Erwachsenenalter hin und her, die letzten fünf dehnen sich durch die Nachbereitung der Verhaftung. Das Resultat ist ein Dahmer, der durch schiere Exposition zunehmend wie ein Opfer seiner Umstände wirkt. Schuld verlagert sich so von Dahmer auf ein versagendes System. Zum Teil liegt das auch am Casting. Evan Peters als bildhübscher Dahmer verstärkte einen Effekt, den jede seriöse Dahmer-Darstellung vermeiden sollte.
Opfer als Werkzeug oder als Menschen
Historische Opfer kommen in „Dahmer“ gar nicht vor. Die drei Figuren, denen Dahmer im Film begegnet, sind Khamtay (Dion Basco), Lance Bell (Matt Newton) und Rodney (Artel Great). Sie sind keine realen Mordopfer, sondern fiktive Komposit-Figuren, um Dahmers Psyche sichtbar zu machen. Den Höhepunkt bildet ein informelles Schachspiel zwischen Dahmer und dem jungen Rodney. Rodney sucht Antworten. Dahmer weicht aus, kämpft innerlich. Die Kamera wartet geduldig. Kein Blut, keine Gewalt, nur Beklemmung.
Die Netflix-Serie ging den umgekehrten Weg und zeigte Morde explizit. Rita Isbell, Schwester von Opfer Errol Lindsey, erklärte, das Serienformat habe „all die Emotionen zurückgebracht, die ich damals empfunden habe“. Netflix kontaktierte weder sie noch andere Angehörige vorab.
Zwei Darsteller, zwei Ansätze
Evan Peters bringt Dahmers körperliche Eigenheiten und Tonfall täuschend genau hin, was im Rahmen von Ryan Murphys Inszenierung seine Funktion erfüllt. Jeremy Renner dagegen setzt weniger auf physische Ähnlichkeit als auf die Psychologie hinter der Figur, auf jene merkwürdige Mischung aus Unbehagen, Verzweiflung und Selbsthass. Für einen Film, der auf Verstehen statt Spektakel setzt, ist das der richtige Ansatz.
„Dahmer“ aus dem Jahr 2002 ist bei Weitem kein perfekter Film. Wer von Euch aber ein Dahmer-Porträt sucht, das ohne explizite Gewalt auskommt und trotzdem unter die Haut geht, findet dort noch heute einen lohnenden Ausgangspunkt.