Anna Pigeon: Grandiose Nationalparks, zu viel Herzschmerz
Anna Pigeon läuft in Deutschland bislang nicht, weder im Stream noch im Fernsehen. Warum der Nationalpark-Krimi schon in Episode eins ins Soaping kippt und für wen er sich trotzdem lohnt.
Inhaltsverzeichnis
Mit Klick auf "Abspielen" werden Daten an YouTube übertragenAnna Pigeon gibt nach einem schweren persönlichen Verlust ihr Großstadtleben auf und heuert als Rangerin an. Ihr Job geht weit über Wegweiser und Wandertipps hinaus, sie ist bewaffnet und setzt Recht durch. Entsprechend landet sie regelmäßig mitten in Verbrechen, an ihrer Seite ermittelt FBI-Agent Frederick Stanton.
Zehn Fälle im Glacier-Nationalpark
Tracy Spiridakos spielt die Titelfigur, Ronnie Rowe den FBI-Agenten. Paulina Alexis steht als junge Kollegin Zoey Bear Child neben ihr, Tricia Helfer gibt Annas Schwester Molly, Cooper Levy den Barkeeper Jesse Garland. Die Vorlage liefert die Romanreihe von Nevada Barr, Morwyn Brebner verantwortet die Serie als Showrunnerin, Lea Thompson inszenierte den Auftakt.
Die erste Staffel spielt im Glacier-Nationalpark in Montana, gedreht hat das Team aber im kanadischen Alberta. Zehn Episoden, ein Fall pro Woche, klassisches Procedural.
Die Landschaft trägt die halbe Serie
Die Naturaufnahmen sind das Beste an „Anna Pigeon“, und zwar mit Abstand. Weite Hänge, Nebel über Nadelwald, Wetter, das man förmlich spürt. Ich habe mich mehrfach dabei erwischt, wie ich weniger dem Fall folgte als der Kamera.
Auch der Einstieg funktioniert. Die erste halbe Stunde baut Anna sauber auf, ihr Beruf bekommt Kontur und der erste Fall zieht an. Handwerklich solides altes Wochenfernsehen, und genau dafür kann ich mich begeistern.
In Episode eins kippt sie ins Soaping
In der Auftaktepisode, „Track of the Cat“, nimmt Anna den Barkeeper Jesse Garland mit nach Hause, und ab da drängt sich das Beziehungs- und Gefühlsgeflecht vor den Fall. Nicht ab Episode fünf, sondern mitten im Auftakt.
Die Nebenhandlung um eine Katze, die kein Zuhause findet, trägt nichts zur Handlung bei und steht als reines Stimmungsstück herum. Füllmaterial ohne Funktion, ausgerechnet in der Episode, die beweisen müsste, dass diese Serie einen Fall erzählen kann.
Wer einen straffen Krimi ohne Beziehungsschleifen sucht, wird hier unglücklich. Variety geht weiter und hält das Krimidrama für uninspiriert, formelhaft im Fall und hölzern im Dialog, eine Billigversion von „Virgin River“. RogerEbert.com nimmt dieselben Episoden als Rückgriff auf altmodisches Wochenfernsehen samt pulpigem Reiz.
Mir liegt Variety näher, nur zieht bei mir die Landschaft heraus, was der Fall liegen lässt.
Stärkste USA-Startquote seit acht Jahren
Bemerkenswerter als die Serie selbst finde ich, dass es sie überhaupt gibt. USA Network produziert wieder fiktionale Ware, auch wenn „Anna Pigeon“ eine Koproduktion mehrerer Häuser ist. Der Sender stand einmal für „Suits“, „Mr. Robot“, „White Collar“, „Burn Notice“ und „Monk“, eine eigene Handschrift, sonnig, leicht, figurenverliebt, die über Jahre fast komplett aus dem Programm verschwand.
Die Premiere am Freitag, 7. August, holte im Schnitt 2,25 Millionen Zuschauer in drei Tagen über USA, E! und SYFY. Für eine USA-Eigenproduktion ist das die stärkste Startquote seit fast acht Jahren.
Für wen der Einstieg lohnt
In Deutschland ist „Anna Pigeon“ bislang nicht zu sehen, weder im Stream noch im Fernsehen. Sobald sich das ändert, lohnt sie für alle, die die alte USA-Network-Schule vermissen und Nationalpark-Landschaften schätzen. Wer einen harten Fall der Woche will, lässt besser die Finger davon.
[bewertung=3.0]