Slings & Arrows: Die beste Theater-Serie, die in Deutschland kaum jemand kennt

„Slings & Arrows“ gilt als eine der besten TV-Serien über das Theater überhaupt, in Deutschland aber ist sie fast unbekannt. Zum 20. Jahrestag des Finales erklären wir, warum das so ist.

· 4 Min. Lesezeit
Inhaltsverzeichnis
  1. Drei Stücke spiegeln drei Lebensphasen
  2. Geoffrey Tennant und der Geist seines Rivalen
  3. Die drei Schöpfer spielen selbst mit
  4. William Hutts letzter großer Auftritt
  5. Die Handlung war nach 18 Folgen abgeschlossen
  6. Die deutsche Ausstrahlung blieb unbemerkt
  7. Deutsche Zuschauer finden kein reguläres Angebot
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Am Montag, 28. August 2006, lief die letzte Folge von „Slings & Arrows“. Die kanadische Serie brachte es in drei kurzen Staffeln auf 18 Episoden. Kritiker halten sie bis heute für eine der besten Fernsehserien über das Theater. In Deutschland kennt sie dagegen fast niemand. Dieser Widerspruch macht die Serie zwanzig Jahre nach ihrem Ende einen genaueren Blick wert.

Drei Stücke spiegeln drei Lebensphasen

Das Konstruktionsprinzip von „Slings & Arrows“ ist simpel und klug. Jede Staffel begleitet die Produktion eines Shakespeare-Stücks am fiktiven New Burbage Festival. Es ist eine kaum verhüllte Hommage an das reale Stratford Festival in Ontario.

Staffel eins widmet sich „Hamlet“ und spiegelt den Wahnsinn sowie die Last des Erbes. Staffel zwei erzählt „Macbeth“ als Geschichte von Ehrgeiz und Verrat. Staffel drei nähert sich mit „King Lear“ dem Altern und dem Tod.

Die Handlung hinter der Bühne verschmilzt eng mit dem jeweiligen Stück. So finden sich die Figuren in ihrem eigenen Leben wieder, ob sie wollen oder nicht.

Geoffrey Tennant und der Geist seines Rivalen

Paul Gross trägt die Serie als Regisseur Geoffrey Tennant. In Deutschland ist der Schauspieler fast nur aus der Krimiserie „Due South“ bekannt.

Sieben Jahre vor Beginn der Handlung erlitt Geoffrey während einer eigenen Hamlet-Inszenierung einen Nervenzusammenbruch. Er sprang in Ophelias offenes Grab und rannte schreiend aus dem Theater. Zu Beginn der Serie leitet er notdürftig ein chronisch klammes Kleintheater. Dann holt ihn sein alter Mentor und Rivale Oliver Welles zurück, gespielt von Stephen Ouimette.

Welles stirbt bereits in der ersten Folge. Ein Lastwagen mit der Aufschrift „Canada's Best Hams“ überfährt ihn. Olivers Geist sucht Geoffrey fortan buchstäblich heim. Mal berät er ihn weise, mal treibt er ihn mit beißendem Spott in den Wahnsinn.

Martha Burns ergänzt das Ensemble als Geoffreys frühere Geliebte und alternde Diva Ellen Fanshaw.

Die drei Schöpfer spielen selbst mit

Drei Vertreter der kanadischen Theater- und Comedyszene erschufen die Serie und standen selbst vor der Kamera. Susan Coyne spielt die Festivalassistentin Anna. Der spätere Broadway-Autor Bob Martin verkörpert den stoischen Buchhalter Terry.

Mark McKinney spielt den käuflichen Geschäftsführer Richard Smith-Jones. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der Sketchtruppe „The Kids in the Hall“. Peter Wellington führte bei allen 18 Folgen Regie. Das gibt der Serie eine ungewöhnliche Geschlossenheit.

Die Serie bietet frühe Rollen mehrerer großer Namen. Rachel McAdams spielt in Staffel eins die unsichere Kate. Sarah Polley hat einen Auftritt in Staffel drei.

Luke Kirby verkörpert einen amerikanischen Filmstar, der Hamlet spielt. Die Rolle spielt auf Keanu Reeves' echten Hamlet-Auftritt in Winnipeg 1995 an.

William Hutts letzter großer Auftritt

Das Staffelfinale „The Promised End“ zeigt, wie ernst die Serie ihre Meta-Ebene nimmt. In der zerstrittenen Inszenierung von „King Lear“ übernimmt der alternde Bühnenstar Charles Kingman die Titelrolle. Im wahren Leben leidet er an Krebs im Endstadium.

Geoffrey und Anna besorgen ihm heimlich Schmerzmittel für die letzte Aufführung. Charles will verzweifelt noch einmal König sein. Dieser Wunsch spiegelt Lears eigene Sucht nach der Krone.

Der echte kanadische Theaterstar William Hutt spielte diese Rolle. Für ihn war es der letzte große Auftritt seines Lebens. Er starb kurz nach den Dreharbeiten. Wenn Fiktion und Realität so nahtlos verschmelzen, entsteht eine unvergessliche Szene.

Die Handlung war nach 18 Folgen abgeschlossen

Der britische Kritiker Nigel Andrew nannte die Serie in der Mail on Sunday „ein von Anfang bis Ende meisterhaft gearbeitetes Geniestück“. Nach dem Erfolg beim US-Sender Sundance Channel gab es laut Co-Autor Bob Martin Angebote für eine vierte Staffel.

Die Macher lehnten bewusst ab. Der Bogen von der Jugend über den Ehrgeiz bis zum Verfall war mit Hamlet, Macbeth und Lear abgeschlossen. Eine weitere Staffel hätte das Gesamtwerk verwässert.

Diese Disziplin ist im Fernsehgeschäft selten. Deshalb gilt die Serie bis heute als geschlossenes Kunstwerk statt als Franchise mit Verfallsdatum.

Die deutsche Ausstrahlung blieb unbemerkt

Im deutschen Free-TV lief die Serie nie. Ihre deutsche TV-Premiere fand erst am Mittwoch, 1. Oktober 2008, statt. Der Nischensender ZDFtheaterkanal zeigte sie und ging später in ZDFkultur über.

Eine deutsche Synchronfassung existiert. Darin sprechen unter anderem Ulrike Johannson als Ellen und Michael Pan als Richard Smith-Jones. Die Fassung spaltete jedoch ihre wenigen Zuschauer.

Einige lobten die Übertragung der Dialoge. Andere vermissten den kanadischen Wortwitz und die fließenden Shakespeare-Zitate. Ob je eine deutsche DVD erschien, lässt sich nicht mehr belegen. Dazu findet sich nichts. Für eine so angesehene Serie ist das eine erstaunlich dünne Spur.

Weitere Beispiele für Serien, die trotz Kritikerlob untergingen, stehen in dieser Liste unterbewerteter Serien.

Deutsche Zuschauer finden kein reguläres Angebot

Im August 2026 fällt die ehrliche Antwort mager aus. In den USA lässt sich die Serie digital abrufen, etwa im Abo von Amazon Prime Video.

Für deutsche Zuschauer listet sie keiner der großen hiesigen Anbieter. Sie fehlt bei Netflix, Amazon Prime DE, Disney+ und Apple TV. Eine aktuelle deutsche DVD- oder Blu-ray-Auflage ist ebenfalls nicht bekannt.

Wer die Serie sehen will, braucht vorerst einen Import oder ein Konto bei einem US-Anbieter. Das Kammerspiel über Ehrgeiz, Alter und die Bühne bleibt zwanzig Jahre nach seinem Finale unvermindert stark.